Bericht zur szenischen Lesung „All das Geschieht“ / April 2025
Fazit: Ein Abend voller Emotionen, Erinnerung und gesellschaftlicher Relevanz
Veranstaltung: 28. Januar 2025 in Neuruppin, 4. April 2025 in Karwe
Veranstalter: Neuruppin bleibt bunt
Am 28. Januar 2025 erlebten wir im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal der Jugendkunstschule Neuruppin einen eindrucksvollen und bewegenden Abend.
Die Schauspieler:innen Angela Hundsdorfer, Alexandra Madincea, Paul Weismann und Lennard Conrad brachten den einzigartigen Briefwechsel zwischen dem Paar Hilde und Roland ausdrucksstark auf die Bühne. Die Auswahl der Texte, verbunden mit originalen Bildern und Tönen ermöglichte dem Publikum einen Blick darauf, wie stark der National- sozialismus schon vor dem Krieg das Private durchdrungen hatte und wie intensiv die Einbindung des/ der Einzelnen in die Ideologie war; ein Beispiel dafür ist die Eheerlaubnis bzw. der Ahnennachweis.
Die Veranstaltung führte nach der Darbietung zu einer ausgesprochen lebendigen Diskussion, an der sich viele Gäste beteiligten. Das zeigt aus unserer Sicht, dass viel Redebedarf über den Umgang mit dem aktuellen Rechtsruck in Politik und Gesellschaft besteht. Alle besprochenen Aspekte wurden vom Publikum eingebracht und von Helene Weiß moderiert. Viele Besucher*innen zeigten sich besorgt aufgrund der Parallelen zwischen damals und heute. Übergreifend drehten sich die Gespräche darum, wie wir dem heutigen Populismus begegnen und demokratische und rechtstaatliche Werte schützen können. Wir fassen die Aspekte der Diskussionen zusammen:
- Selbsterhöhung wird unterstrichen durch die Abwertung und Entmenschlichung von Andersdenkenden, Anderslebenden und stereotype Zuschreibungen an sogenannte Rassen. Gegenüber abgelehnten Gruppen wird Angst und Hass geschürt und so der Boden bereitet für die menschenverachtende Gewalt und den Massenmord. Diskussion über Generalismen, die heute unsere Sicht vernebeln.
- Der Zeitgeist, v.a. das heute befremdlich wirkende nationalsozialistische Frauen- und Männerbild und die Bereitschaft von Hilde und Roland, sich selbst in diesen Rollen zusehen und sie genauso zu leben, ihre Sprache und Handeln danach auszurichten.
- In Bezug auf die Gegenwart ging die Frage in die Diskussion ein, weshalb der aktuelle Rechtsruck in östlichen Bundesländern stärker ausgeprägt ist. Viele machen dafür eine mangelnde Aufarbeitung der NS-Zeit in der DDR verantwortlich. Die aktuelle Schulbildung decke das Thema ausreichend ab, so ein Jugendlicher.
- Erfahrungen der Nachkriegsgeneration: Die Folgen der NS-Gewalt bekamen auch Nach-geborene bei Auslandsreisen zu spüren in Ländern, die besonders hart von der Nazigewalt getroffen waren, z.B. in Frankreich, Griechenland, Polen, Tschechoslowakei. Ihnen wurde des Öfteren mit offener Ablehnung, dem Stigma der Nazi-Nachfolge und Misstrauen begegnet.
- Beklemmend sind Berichte darüber, wie sich Angst vor rechtsnationalen Reaktionen einschleicht. Eine „Oma gegen rechts“ berichtete, dass ihrer Gruppe kein öffentlicher Raum zur Verfügung gestellt wurde, Geschäfte lehnten es ab, Plakate von „Neuruppin bleibt bunt“ aufzuhängen und auf manchen Schulhöfen ist eine offen antifaschistische Haltung teils ein Risiko.
- Ein aufrüttelndes Plädoyer der jungen Erwachsenen, die zahlenmäßig starke Generation der Rentner*innen möge sich mehr einlassen auf die Unterstützung einer angemessenen und zukunftsweisenden Politik anstatt immer mehr Lasten – von Klima bis Rechtsruck – auf kommende Generationen zu verlagern.
- Wie sich aufstellen gegen den Rechtsruck? Diskussion über den Sinn von Demos und anderen Aktivitäten. Viele im Publikum sprechen sich dafür aus, mit Nachbarn, Kolleg*innen etc. im Gespräch zu bleiben, Kontakte nicht abzubrechen. Diskussion, ob tatsächlich die AFD unser großes Problem ist bzw., dass die beste Prävention eine bessere Politik der demokratischen Parteien wäre anstatt sich der AFD anzubiedern.